Einstein Dissertation Seitenzahl

Die plötzlich umstrittene Doktorarbeit von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat gerade mal 62 Textseiten. Wer aber hätte gedacht, dass sogar drei spärliche Seiten Text genügen, um den akademischen Grad eines Doktors der Medizin zu erhalten?

Diesen Umfang hat eine Arbeit mit dem deutschen Titel „Natürliche Heilmittel gegen Impotenz im mittelalterlichen Persien“, die 2006 an Westfälischen Wilhelms Universität Münster eingereicht und anerkannt wurde. Zuvor erschien sie im Fachmagazin „Nature“ (2004).

Neben den (zum Teil skurrilen) vermuteten Gründen für Impotenz wie Sex im Wasser oder Badezimmer, exzessives Wassertrinken, Sex mit menstruierenden Frauen und Sex mit alten Frauen, wird die Wichtigkeit der Ernährung für die Potenz unterstrichen. Mandeln, Pistazien, Honig und Fisch sollen sich laut angeführter mittelalterlicher Quellen positiv auf die Potenz auswirken.

Das Werk ist vermutlich die kürzeste Doktorarbeit Deutschlands, vielleicht sogar weltweit.

Auch wenn es überraschend klingt, grundsätzlich ist keine Mindestlänge für eine Dissertation vorgegeben.

Unabhängig vom spärlichen Umfang hat die renommierte Plagiats-Jägerin Professorin Debora Weber-Wulff allerdings schon vor einiger Zeit auf Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der Arbeit aufmerksam gemacht. Etwa dass die Arbeit als gemeinsamer Aufsatz der Doktorandin mit ihrem betreuenden Professor zuvor publiziert wurde.

Weber-Wulff zur Münsterland-Zeitung: „Eine Doktorarbeit sollte eine eigenständige wissenschaftliche Leistung sein. Es mag sein, dass das üblich ist, aber das hat wenig mit Wissenschaft zu tun. Es muss klar sein, wer Autor des Werks ist – und nicht mal einer, mal zwei.“

Weiteres brisantes Detail: Der Doktorvater war zudem als Gutachter in andere Plagiatsfälle verwickelt.

Wenn derzeit von „wissenschaftlichem Fehlverhalten“ die Rede ist, so meint man seit der Zu-Guttenberg-Affäre vor zwei Jahren oft schlicht „Abschreiben“. Nie zuvor war es so leicht, solche Täuschungen aufzudecken. Mittels der entsprechenden Software auf die Jagd nach verdächtigen „Stellen“ zu gehen, wurde sogar zu einer Art Volkssport, auf VroniPlag etwa oder GuttenPlag oder PlagiPedi kann sich jeder daran beteiligen.

Etwas Aufwand braucht allerdings die Überprüfung von Dissertationen, die vor dem digitalen Zeitalter verfasst wurden – diese müssen erst irgendwie in Papierform aufgetrieben und eingegeben werden. Dazu haben dann doch wieder nicht so viele Leute Lust.

Dr. Kohl alias Birne

Auch nicht bei der Dissertation von Helmut Kohl, die vor 30 Jahren für ziemlich viel Wirbel gesorgt und ähnlich wie heute ein generelles Misstrauen bezüglich der Qualität der Dissertationen der Bonner Politiker hervorgerufen hat. Kohls damals mit viel Spott bedachte Dissertationsschrift ist bei  VroniPlag noch nicht untersucht worden. In den 1980er Jahren hatte es große Aufregung um die Dissertation des damaligen Bundeskanzlers gegeben. Der Amtsantritt Kohls war von vielen als „Betriebsunfall der Geschichte“ empfunden worden, der „Buddha aus Oggersheim“ (dessen birnenförmige Gestalt dank „Titanic“ ins allgemeine Bewusstsein rückte) war für Kabarettisten wie Karikaturisten ein gefundenes Fressen.

Es gibt sie wirklich und jeder kann sie lesen: Die Doktorarbeit von Helmut Kohl, hier das Inhaltsverzeichnis aus einem Exemplar der Stadtbibliothek Mainz.

Ein damals aufgebrachtes Gerücht hat sich bis heute gehalten: Die 1958 eingereichte Dissertation Kohls sei so schlecht, dass sie auf Weisung der Bundesregierung aus den Bibliotheken entfernt worden sei. Das Ganze beruhte auf einem Scherz und warf vor allem auch ein schlechtes Licht auf die Universitätsbibliothek Heidelberg  (link). Allzu gern glaubte man an beides: an die intellektuelle Unterbelichtung des Kanzlers und an die finsteren Machenschaften. Als die Affäre dann aufgeklärt wurde, war aber ein gewisses Interesse an der Dissertationsschrift geweckt. Es gab plötzlich mehrere Ausleihen und Vormerkungen. Das Studentenmagazin „rote blätter“, das Urheber der ganzen Sache war, attestierte der Arbeit eine geringe Qualität. Von den 161 Seiten trügen nur fünf überhaupt eigenständige Gedanken vor, die übrigen seien rein deskriptiv und „ohne Ansätze von Wertung oder Verallgemeinerung aus wissenschaftlichen Quellen und heimatkundlichen Beschreibungen zusammenzitiert“. Immerhin zitiert, nicht geklaut.

Dissertationen: heute abgeschrieben, damals dürftig

Die Diagnosen lauten heute anders (abgeschrieben! Auftraggeber! Hilfskräfte!) als damals, da man sich an allzu schlichten Formulierungen und Tippfehlern erregte, die vor allem Achim Schwarze  1985 mit seinem bei Eichborn erschienenen Buch „Dünnbrettbohrer in Bonn. Aus den Dissertationen unserer Elite“ publik machte. Die von ihm ausgewählten Zitate aus Kohls „Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945“ schienen das Bild vom altdeutsch-tumben Provinzler in der Rolle des Kanzlers zu bestätigen. Die von Schwarze ausgewählten Stellen – im Wesentlichen sind es ungeschickte Formulierungen, Tippfehler und Stilblüten – klingen zwar lustig (und das sei ihm auch zugestanden, es ging schließlich um Satire), verlieren aber doch an Brisanz, wenn sie im Kontext gelesen werden. Und diese Mühe machen sich dann doch die wenigsten, zumal die Arbeit nicht online ist. Aber nach wie vor wird über Kohls Doktorarbeit gespottet, zum Beispiel werden gern Zweifel geäußert, ob Kohl sich tatsächlich durch die „viele englischsprachige Fachliteratur gearbeitet hat, von der das Literaturverzeichnis der Dissertation kündet“. Das suggeriert, Kohl habe sein Literaturverzeichnis unzulässig aufgeblasen, tatsächlich wäre er ohne diese Quellen zur alliierten Politik kaum ausgekommen. Auch dass er lieber deutsch las, vertuscht Kohl nicht – wo verfügbar, gibt er deutsche Übersetzungen mit an.

Wie ist sie nun aber, Kohls Doktorarbeit?

Die lustigen Zitate von Schwarze („Die Pfalz beheimatet – soweit sich solche allgemeinen Feststellungen treffen lassen – einen fröhlichen und weltoffenen Menschenschlag, der viel Sinn für gesellschaftliches Zusammenleben und die Freuden der Zeit hat und dem dogmatischen Denken abgeneigt ist.“) finden sich alle, sind aber im Gesamtzusammenhang doch als eher marginal anzusehen. Schon die Gliederung verzeichnet handwerkliche Fehler (z. B. fehlende Überschriften). Insgesamt ist die Arbeit kein großer Wurf. Kohl behandelte die Dinge, die er aus seinem Umfeld kannte, schließlich war er damals schon Mitglied des Landesvorstandes der CDU Rheinland-Pfalz. Die Arbeit wurde wohl eher mit Pragmatismus als mit großem wissenschaftlichem Ehrgeiz abgefasst. Und damit unterscheidet sie sich nicht wirklich vom Gros aller Doktorarbeiten.

Ist das schlimm? So eine Doktorarbeit soll ja letztlich nur die Befähigung zum selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten belegen – und dieser Nachweis ist unabhängig von Titeleitelkeiten auch außerhalb des akademischen Bereichs sinnvoll. Die Promotion ist ja im Grunde auch erst der Anfang, nicht der Höhepunkt einer akademischen Laufbahn.

Noch mehr peinliche Dissertationen: Einstein und Goethe

Goethe brauchte nur 56 kurze Thesen, um Doktor zu werden: Wichtiger als die schriftliche Niederlegung war die offenbar glänzende Verteidigung dieser Thesen am 6. August 1771 – hier ein Blick auf 13 der Goethe‘schen „Positiones Juris“.

Die von Goethe ursprünglich eingereichte Dissertation war (wohl als ketzerisch) abgelehnt worden. In Dichtung und Wahrheit erinnert sich Goethe ebenso an die Abfassung der Schrift wie an die vom Dekan vorgeschlagene Alternative zu seiner Ehrenrettung.

1905 wurde Albert Einstein mit einer 17-seitigen Dissertation von der Universität Zürich promoviert. Nach dem ersten Einreichen wurde sie ihm zurückgeschickt, weil sie zu kurz sei. Auch nach der Annahme wurden ihm  ungeschickter Stil und Schreibfehler in den mathematischen Formeln angekreidet, die in seinen „Gesammelten Werken“ angeblich viele berichtigende Fußnoten erforderlich machten.

 

Veröffentlicht von Eva Bambach

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Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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